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Ein Spiel in fünf Bildern
Von Dr. Gustav Altevogt
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Die Zeit
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1895 das Gründungsjahr des Münsterländer
Turngaues! Es war die Zeit, die wir heute als die gute, alte Zeit
bezeichnen. Unsere Väter nannten sie auch mit einiger Wehmut die k. und
k.-Zeit, die kaiserliche und königliche Zeit. Die Welt begann sich
umzustellen. Die Industrialisierung begann fortzuschreiten, die ersten
Fahrräder die Velocipeds tauchten auf, Maschinen und Motoren
begannen ihr Lied zu singen, neue, oft spektakuläre Erfindungen gab es
am laufenden Band. Der Italiener Marconi erfand die drahtlose
Telegraphie, Pest und Tuberkelbazillus wurden erkannt und erfolgreich bekämpft,
Röntgen hatte die nach ihm benannten Strahlen und der Franzose Bequarél
die Radioaktivität entdeckt. Das erste Motorrad wurde 1894 erbaut, und
Diesel bastelte 1895 noch an dem nach ihm benannten Motor, den er 1896 der
staunenden Welt vorstellte. Eine bautechnische Meisterleistung wurde der
Öffentlichkeit mit der Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals, des heutigen
Nord-Ostsee-Kanals, am 21. Juni 1895 übergeben.
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Man war stolz auf das erreichte und freute sich
zumindest in unseren Breiten des Friedens. Kriege tobten in jener Zeit
weit hinter der Türkei, zwischen Italien und Abessinien und auch
zwischen Japan und China. In Berlin regierte Fürst Hohenlohe als
Reichskanzler des Deutschen Reiches und Oesterreiches, und Kaiser Wilhelm
residierte seit mehreren Jahren als deutscher Kaiser. In Athen bereitete
man sich auf die ersten olympischen Spiele der Neuzeit vor, die dort 1896
die Jugend der Welt zum sportlichen Wettkampf vereinte. Turnen, Sport und
Spiel erreichten in der Öffentlichkeit einen zunehmend höheren
Stellenwert, je mehr die technische Entwicklung dem arbeitenden Menschen
Freiräume erlaubte. Man begann Fußball zu spielen und sonstigen Sport zu
treiben. Und natürlich zog das Turnen im Sinne des allgemeinen
Jahnschen Volksturnens - weithin und immer mehr die Menschen in seinen Bann. Man
suchte Bewegung in frischer Luft bei Sprung, Lauf und Wurf, beim Turnen am
Reck, Barren und Pferd, bei Schlag-, Völker- und Prellball und beim
Schwimmen. So war es zwangsläufig, dass sich immer mehr Turnvereine gründeten.
Nun, in den Jahren vor der Jahrhundertwende, wallte es als freudiger
Strom durch Deutschlands Gaue, wie ein Zeitgenosse damals die neue
Bewegung beschrieb.
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Was nahm es da Wunder, dass sich auch im Münsterland
immer mehr Turnvereine gründeten? Was nahm es Wunder, dass sie sich nun
zu organisieren begannen, um Lehrgänge und Wettkämpfe im Bereich des Münsterlandes
durchzuführen? Die Vereine, die es damals, 1894, im Münsterland gab und
die sich zur deutschen Turnerschaft bekannten, gehörten bis dahin dem
bereits bestehenden Hellweg-Märkischen Turngau an oder sie hatten sich
niedersächsischen Turnkreisen angeschlossen.Mit 56 Vereinen in 62 Orten
im Rheinland und 33 Vereinen in 32 Orten in Westfalen wurde der sog. Kreis
8 der deutschen Turnerschaft gegründet, der nach regem Wachstum 1906 in
die Kreise 8a (Westfalen) und 8b (Rheinland) geteilt wurde. Im Bereich der
deutschen Turnerschaft waren bereits 1868 229 Turngaue gebildet, zu denen
in Westfalen neben den Gauen Minden-Ravensberg und Siegerland auch der
Turngau Hellweg-Mark gehörte.
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Letzterem waren 11 Vereine des Münsterlandes
zugeordnet. Nachdem 1893 und 1894 die ostwestfälischen und sauerländischen
Turnvereinen den großen Turngau verlassen und eigene Gaue gebildet
hatten, war 1895 auch für die 11 Turnvereine des Münsterlandes der
Zeitpunkt gekommen, da sie einen eigenen Gau bilden wollten. In dem
folgenden Historienspiel wollen wir die Umstände lebendig werden
lassen, die zur Bildung des Turngaues Münsterland führten.
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1. Bild
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Eine Gaststube in Hamm. 4 Turner
sitzen an einem Tisch und diskutieren. Sie alle sind mehr oder weniger
entfernt am Geschehen im Hellweg-Märkischen Turngau beteiligt, nehmen an
Vorturnerstunden und gelegentlich
- auch an erweiterten Gausitzungen, Gauturntagen, usw. teil. Am
Nebentisch sitzen 3 Nichtturner, die fetzenweise vom Gespräch der 4
Turner etwas mitbekommen.
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5. Oktober 1894, abends
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Heini:
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Turngenossen, habt ihr schon gehört? Unser schöner
Hellweg-Märkischer Turngau wird wieder ´mal halbiert! Über 25 Jahre
besteht er nun und jetzt, jetzt wird er wieder geteilt.
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Fritz:
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Was sagst du? Geteilt? Was ist denn passiert?
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Ludwig:
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Heini, du spinnst ! Ich bin bei allen
Sitzungen dabei gewesen. Nie habe ich auch nur ein Sterbenswörtchen von
Teilung gehört. Ich meine, es muß genug sein! Schließlich haben uns die
Ostwestfalen und Sauerländer ja gerade erst vor 2 Jahren ihre Vereine
weggenommen und eigene Turngaue gegründet. Wenn das stimmt, was du sagst,
dann geht´s wirklich an die Substanz unseres schönen Hellweg-Märkischen
Turngaues.
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August:
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Ist mir egal. Wenn der ganze Laden auffliegt, habe
ich meine Ruhe. Ich brauche mich dann nur um meinen Verein zu kümmern
meine Hilde, die wird vielleicht jubeln. Die hat mich immer sonst mit
Brummen empfangen, wenn ich nachts von Sitzungen und Lehrgängen in
Dortmund oder Soest heimkehrte. Ganze Tage war ich oft unterwegs, weil die
Züge so selten fuhren. Ne, ne, meinethalben kann der Gau Pleite
machen, denn mit der Hälfte unserer Vereine, da können wir nicht mehr
existieren! Und überhaupt: wozu ist der Gau denn nütze?
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Heini, Fritz und Ludwig:
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Wozu nütze? Überflüssig? - Nicht existieren? Turngenosse August hatte noch nie
rechte Lust zur Mitarbeit im Gau und schon gar keinen Durchblick!
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Fritz:
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Genossen, ich erinner´ mich da dunkel, ich bin vor
gut einem Jahr auf unserem Gauturntag in Soest gewesen. Da murrten die Münsterländer
Vereine schon wegen der teuren und weiten Anreisewege zu Sitzungen, Lehrgängen,
Vorturnerstunden und so.
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Heini:
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Also, ich kann das wohl verstehen; mich würde das
auch nerven. Aber, Genossen, wir sind doch Turner, und wir sind berufen,
alles, auch alle Mühen zum Wohle der deutschen Turnerschaft und damit
unseres heißgeliebten Vaterlandes zu tragen.
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August:
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Pfeif´ was auf Deutsche Turnerschaft und Deutsches
Vaterland! Wenn´s man meinem Verein gut geht. Dafür tue ich alles, aber
nicht mehr! Vom Verein habe ich ja auch was.
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Johann (tritt vom Nebentisch an die
Turner heran, hat bisher einiges mitgehört):
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He, was habt ihr bloß für Sorgen? Sagt, verdient
ihr mit dem, was ihr so nach Feierabend und an Feiertagen tut, auch Geld?
Lohnt sich das?
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Heini:
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Geld, Geld, du Krämerseele, denkst nur an den
Mammon, nur an dich.
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Johann:
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Sagt mir, Turnen, was ist das eigentlich? Ist das
schwer?
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Fritz:
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Das kann ich dir mit einem Satz sagen: Turnen ist
schwitzen, ohne zu arbeiten!
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Johann:
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Also: nur zum Plaisier schwitzen, ohne Geld zu
bekommen? Ne, Freunde, bei aller Liebe: ohne mich! Adijüs!
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Heini (leise):
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Die Krämerseele! Ist nur in seinem Ich, in seinem
Dunstkreis befangen. Genossen, lasst uns die Entwicklung abwarten. Ich
gehe heim zu meiner Minna.
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Alle (außer August):
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Also, gut Heil!
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